Voyager est un exercice profitable (Montaigne)
Wie bei allen bisherigen Austauschfahrten schwankte die Stimmung unter den Schülern beider Schulen zwischen freudiger Erwartung und einer gewissen Anspannung. Natürlich hatten sie im Vorfeld der Fahrt schon Kontakt aufgenommen und natürlich hatten wir Lehrkräfte mittels erstellter Steckbriefe von beiden Seiten versucht, möglichst Paarungen zu finden, die von den Interessen und Neigungen zueinander passen. Mais on ne sait jamais (=Aber man weiß ja nie.) Herrschte diese Stimmung bei der Ankunft und der Aufteilung der Schüler auf die Familien noch vor, so war diese Nervosität schon am nächsten Morgen weitestgehend verflogen, als wir in freudige und meist entspannte Gesichter blickten. Die sind ja alle voll nett und bemüht, so wurde uns unisono berichten.
Ferner wurde zwar am Anfang meist auf Englisch als Lingua Franca und Chat GPT bzw. KI rekurriert, weil die Franzosen ja voll schnell reden, aber nach und nach synchronisierten sich die Begegnungen hin zu Bemühungen, dann doch die erstrebte zweite Fremdsprache zu benutzen, begegneten die Austauschpartner und – vor allem anfangs – die Eltern als Eisbrecher fungierend den deutschen Schülern mehr und mehr nachsichtig, indem sie betont langsam sprachen, um das zarte Pflänzlein der sprachlichen Bemühungen am Leben zu halten und zu fördern. Und so hörten wir die nächsten Tage des Öfteren ermutigenden Rückmeldungen wie Ich versteh viel mehr als ich dachte und meistens kriege ich raus, was sie meinen und schließlich ich habe auch schon etwas auf Französisch gesagt.
Nachdem das Wichtigste, nämlich die Unterbringung und die Kommunikation zwischen den Schülern und den Gastfamilien, her- bzw. sichergestellt war, wurde das kulturell, historisch als auch landeskundlich angelegte Programm quasi zum Selbstläufer: nach der anfänglichen Erkundung der Stadt durch eine entsprechende Rallye sowie der fachlich bzw. historisch sehr sachkundigen Führung im Musée du Tabac, den anschließenden Exkursionen zu der Grotte St. Christophe im Vallée Chartreuse, der Besichtigung von Ivoire und Genf, der Fahrt zum Mont Blanc inklusive des Gangs durch den Gletscher vor Ort (bei Chamonix), einer historisch angelegten Stadtführung von Annecy endete das Programm schließlich in einem Tag in der Schule des Collège Le Clergeon, wo die deutschen Schüler am Unterricht teilnahmen, so dass sich einige Parallelen , aber auch Unterschiede feststellen ließen, wie die lebhaften Diskussionen unter den Jugendlichen, aber auch im Gespräch mit uns Lehrkräften durchblicken ließen. Der emotionalste Moment hier war sicherlich das Badminton-Turnier mit den französischen Schülern, das die Sportlehrer von Le Clergeon für uns organisierten.
Die Freizeit kam trotz aller Aktivitäten (hoffentlich) auch nicht zu kurz, verbrachten die deutschen Schüler doch den späten Nachmittag und Abend sowie den Sonntag in den Familien. Zudem hatten sie die Möglichkeit, samstags nicht an der gemeinsamen Exkursion teilzunehmen, wenn sie den Tag lieber mit ihren Korrespondenten verbringen wollten und das Alternativprogramm der Gastfamilien bevorzugten oder sei es nur einfach mehr Zeit mit ihren Korrespondenten verbringen wollten, die wiederum in begrenzter Anzahl die Möglichkeit hatten, freitags (8. Mai) und samstags an unseren Exkursionen teilzunehmen.
Nach der Rückkehr verbreitete sich die Zufriedenheit und Begeisterung über die gelungene Austauschfahrt in der Schule in Michelstadt wie ein Lauffeuer, kursierten doch bereits geteilte Fotos und Berichte unter den zu Hause gebliebenen Schülern, die an unseren Eindrücken sehr interessiert waren, so dass sich die Einsicht Montaignes wieder einmal bewahrheitete: Voyager est un exercice profitable!
Michelstadt, 14.05.26 Hermann Josef Wagner